Biographisches und Persönliches

Ein Klavier, ein Klavier….

Die Musik wurde mir zwar nicht direkt „in die Wiege“ gelegt, aber zumindest ins Kinderbett: Meine Eltern hörten jeden Abend klassische Musik, wenn wir Kinder im Bett waren. Ein Stockwerk tiefer und in beachtlicher Lautstärke. Vor allem Schubert: Lieder mit Fischer-Dieskau, Klaviersonaten mit Alfred Brendel und natürlich die Sinfonien.

Ich weiß nicht, wie viel Mal ich die „Unvollendete“ gehört habe. Dazu Beethoven, Brahms, Schumann, Mahler, Bruckner. Mozart und Bach zählten sowieso zu den „Grundnahrungsmitteln“. Jeden Abend sank ich zu den Klängen der „Großen“ ins Traumreich hinüber. Dann kam eins zum andern.

Mit fünf kam ich zu dem berühmten Klavierpädagogen Prof. Fritz Emonts und lernte dort bis ich vierzehn war. Da konnte ich immerhin das „A-Dur Konzert“ von Franz Liszt ganz ansehnlich darbieten.

Die zweiten Preise wurden zu ersten und so wurde ich als Jungstudent an der Folkwang – Hochschule in Essen aufgenommen. Zwei bis dreimal in der Woche nach der Schule von Hagen nach Essen, das war ein ganz schönes „Programm“, aber es war auch aufregend!

Aber schon damals saß ich auch im Jazzclub und jammte mit den Heller – Brüdern, Ingmar am Bass und Paul damals mit elf (!!!) noch an den drums. Dazu mein Freund Martin Zobel am Flügelhorn, der manchmal wie Chet Baker klang und Uwe Plath am Saxophon. Damals wusste ich noch nicht, was eine #9 ist, aber schnelle Finger und gute Ohren hatte ich!

Die erste Bigband gründeten wir im Gymnasium, da war ich 14. Wir hatten keine Arrangements, also mussten die geschrieben werden. Schule für’s Leben!

Mein erstes klassischen Schlüsselerlebnis war die Liszt „h-moll Sonate“ in der „Glocke“ in Bremen mit Alfred Brendel 

Das musste ich lernen.liszt-sonate-noten Dieser Halbstündige Universal – Kosmos und Parforce-Ritt wurde von dem Tag an eines meiner großen Ziele und mein stetiger Begleiter bis zum Abschied von der Klassik-Bühne.
Überhaupt hatte ich das Glück, viele der größten Pianisten live hören zu können: Swjatovslaw Richter , Arturo Benedetti Michelangeli (da saß ich einmal neben Martha Argerich in der Tonhalle Düsseldorf und Michelangeli begann „Gaspard de la nuit“ von Ravel so unfassbar aus dem Nichts, dass selbst die Argerich es nicht glauben konnte), Emil Gilels, Claudio Arrau. Und immer wieder Martha Argerich selbst – die Göttin! Dazu Daniel Barenboim, Wladimir Aschkenasi, der großartige Jorge Bolet , von dem ich zum ersten Mal das zweite Brahms- und das dritte Rachmaninoff-Konzert hörte. Wieder so Schlüsselerlebnisse. Und natürlich Nikita Magaloff, der den Handschweiß von Prokofiew noch an den Händen hatte. Dann kam die Jüngeren: Ivo Pogorelich, Dimitris Sgouros u.s.w.

Till Engel war 1983 mein erster „Meister“ als Jungstudent an der Folkwang – Hochschule in Essen, zwei bis drei Stunden jede Woche, nach der Schule! „Du machst erst mal dein ABI, und dann nehmen wir die Welt auseinander“. Große Worte, hohe Erwartungen… Von Malcolm Frager lernte ich Geschichten in Musik zu denken und auf dem Klavier zu singen.

Aber es gab auch eine andere Seite: Personifiziert durch Karl-Heinz Kämmerling , den Guru. In jeder Jury, ehrgeizig, eitel, einflussreich. Entweder mit ihm oder gar nicht?

Vielleicht doch zu Hans Leygraf…? Oder vielleicht lieber unabhängig bleiben? Fragen, denen man sich in der Zeit als junger Pianist stellen musste!

1982 war ich zum ersten mal im Bundesentscheid von „Jugend Musiziert“ in Nürnberg gewesen: Bei der „Oktaven – Etüde“ op. 25 von Chopin rissen am Ende der ersten Doppeloktav-Passage drei Seiten auf einmal, mein Auftritt war beendet und ich landete auf dem vorletzten Platz.

Aber da ich absolut an der Altersuntergrenze war, durfte ich zwei Jahre später noch mal in der selben Alterstufe (III) antreten: Inzwischen war ich ja Jung-Student bei Prof. Till Engel. Bach „Präludium/Fuge cis-moll“, „Mozart Bb-Dur Sonate“, Schumann „Toccata“ und „Nachtstücke“ von Heinz Holliger. Und im Landeswettbewerb NRW meinen alten „Zweit-Papa“ Fritz Emonts in der Jury. Ich bekam, wie Barbara Martini, von allen Juroren die maximalen 25 Punkte. Nur Einer, der gab mir nur 24,5: Mein lieber, alter Klavierlehrer….

Der erste Preis wurde geteilt, ich durfte aber trotz mehrstündiger Verhandlungen mit dem Bundesvorstand von „Jugend musiziert“ nicht nach Nürnberg zum Bundesentscheid, weil auch aus NRW mit 17 Mio. Einwohnern nur ein Teilnehmer entsendet werden durfte – Wie aus allen anderen Bundesländern auch. Barbara Martini hat den Bundeswettbewerb dann auch gewonnen, sie hatte es verdient, ich aber war sauer und gekränkt und fand die Klavierwelt ungerecht und „zum Kotzen“.

Etwa aus dieser Zeit stammt auch dieser heimliche Mitschnitt des 3. Satzes aus dem ersten „Klavierkonzert fis-moll“ von S. Rachmaninoff mit einem Sony Walkman im Saal.

Damals war ich 17, offensichtlich heißblütig und ohne Handbremse unterwegs….. Der Dirigent tut mir heute noch leid…

An der Kölner Musikhochschule machte ich zusammen mit der Geigerin Beatrix Hülsemann und meinem Bruder Peter am Cello zwei Jahre lang ein Gast – Studium „Kammermusik“ beim damals weltweit führenden Amadeus Quartett. Haydn, Mozart, Beethoven, Schumann, Mendelssohn, Brahms, die großen Violinsonaten, Cellosonaten und Klaviertrios. Eine der „Sternstunden“ meiner Kammermusiktätigkeit war sicherlich das Konzert zur Reifeprüfung der damaligen „Wunderkind – Geigerein“ Aldona Cisewska mit mir und der berüchtigten „Kreutzer –Sonate“ von Beethoven. Der Mitschnitt dieses Konzertes ist leider verschollen.

Überhaupt: Nicht nur Pianisten waren Inspiration für mich, auch die großen Geiger/innen, Cellist/innen waren die ständigen Begleiter meines jungen Musikerlebens. Mstislaw Rostropowitsch, Mischa Maisky, Gidon Kremer und dann: Anne-Sophie Mutter. Die einzige Frau, die es bis dahin auf einem Plakat bis in mein Jugendzimmer geschafft hatte.

Und gleichzeitig: Erst Erroll Garner, meine erste eigene Schallplatte! Dann Oscar Peterson, Bill Evans, Ella Fitzgerald und immer wieder Miles Davis.
Vier mal habe ich ihn noch live erlebt. Und natürlich Prince, Frank Zappa und und…… Ich habe in verschiedenen Bands außer Punk und Hardrock so ziemlich alle Musikstile ausprobiert, von Schlager über Reggae bis ….. Hauptsache: Groove!

Nach einem kurzen, aber sehr lehrreichen Abstecher zu der polnischen Pianistin Elza Kolodin nach Freiburg machte ich schließlich 1991 meine Reifeprüfung als „Klassiker“ an der Folkwang – Hochschule u.a. mit der Liszt „h-moll Sonate“. Davon gibt es auch einen „Mitschnitt“ auf Casettenrekorder.

Ich bekam eine „1 mit Auszeichnung“. Dann: Stipendium des DAAD nach Wien, Meisterklasse Roland Keller, der erste Bandscheibenvorfall, Stipendium zurückgeben, aussetzen. Für’s Konzertexamen noch mal zurück nach Essen in die Meisterklasse von Michael Roll.

Und dann:

Klavier Festival Ruhr, damals das größte Piano-Festival der Welt. Ein Meisterkurs: Der Altmeister Nikita Magaloff unterrichtete drei Studenten: Einen Russen, eine Japanerin und einen Deutschen: Mich.

Am Morgen des Kurses wusste ich, dass Schluss ist. Ich wollte einfach diesen Druck nicht mehr aushalten. Also versuchte ich meinen Agenten zu erreichen, um ihm mitzuteilen, dass ich nicht kommen werde, aber das Telefon in unserer Studentenbude war tot. Also rauf zu den Nachbarn. Auch nichts. Telefonzelle. Im ganzen Viertel waren die Leitungen tot! (Es gab ja noch keine Handys!) Schließlich mussten wir los. Auf nach Gelsenkirchen ins ausverkaufte Parktheater. „Dann geh ich da eben rein, und sag Bescheid, dass ich nicht spielen werde!“ Falsch gedacht – kaum war ich zur Pforte rein, war auch schon die WDR Kamera auf mich gerichtet und ich kam nicht mehr raus aus der Nummer.

Erst spielte der Russe, dann die Japanerin, dann war Pause und dann: Listz h–moll. Nach der ersten großen Oktavpassage und dem Seitenthema unterbrach ich, stand auf, entschuldigte mich mit meinem bescheidenen Englisch beim Meister, beim Publikum – mir dessen bewusst, dass niemand nachvollziehen konnte, was grad vor sich ging – setzte mich ans Inspizienten-Pult und wartete auf meine damalige Freundin Ann Mandrella. Die hatte allerhand damit zu tun, aufgewühlte Zuschauer zu beruhigen, sammelte mich dann ein und fuhr mich zu unserem Stamm – Italiener, dem „Amalfi“ in Essen – Werden, wo ich schließlich vor dem Pizzaofen saß und dem abendlichen Fußball EM-Spiel des Tages zuschauen konnte.

Es war eines der schönsten kalten Biere und eine der leckersten Pizzen meines Lebens.

An das Ergebnis des Spiels kann ich mich nicht mehr erinnern.

Presse-Verrisse, („wer die Nerven nicht hat, soll’s doch lieber lassen…“), viel Aufruhr in der Szene, an der Hochschule, – das war mir zu dem Zeitpunkt alles egal.

Zweimal noch sollte es mich aber doch noch beschäftigen: Als ich eine Woche später nachts von irgendeinem Auftritt nach Hause kam, hatte Ann einen Zettel an die Wand geklebt, ich solle UNBEDINGT SOFORT meinen Agenten anrufen. Das hab ich dann auch am nächsten Morgen gemacht: Magaloff hatte gesagt: „DAS interessiert mich!“, ich solle nach Genf kommen und könne bei ihm wohnen und mit ihm arbeiten!! Der Türöffner in die ganz große Klavier-Welt…. ?

Ich wollte aber tatsächlich nicht mehr.

Ungefähr ein halbes Jahr später, während eines Skiurlaubes in Rauris, las ich beim Frühstück in der Zeitung, dass Nikita Magaloff gestorben war. Da wusste ich, dass ein langes Kapitel meines Lebens endgültig zum Abschluss gekommen war.

Theater, Theater

Erstmal raus, Ruhe finden, ab nach Langenberg, aufs Dorf, nur als Übergang…..

Geld verdienen konnte ich als Pianist in Musicals im Theater, außerdem hatte ich ja eine Klavierklasse an der UNI Dortmund und auch sonst genügend Nachfrage, um einen alten Mercedes fahren und mir im „Amalfi“ einen Teller Nudeln leisten zu können.

Einige Monate später (Ende 1995) klingelte das Telefon und der designierte Generalintendant der Städtischen Bühnen Krefeld/Mönchengladbach, Jens Pesel, fragte mich, ob ich musikalischer Leiter am Schauspiel werden will.

Ich wollte, und obwohl ich keine Ahnung von der Schauspiel-Welt hatte, begann ich den bisher zweiten großen Abschnitt meines künstlerischen Werdeganges.

Für das große Vertrauen, das mir J. Pesel damals geschenkt hat, bin ich ihm sehr dankbar.

In dieser Position kam mir meine stilistische Vielfältigkeit sehr zu gute!
Arrangieren konnte ich auch, und am Klavier war ich dieser Position natürlich hinreichend qualifiziert.

So konnte ich schnell spannende Aufgaben übernehmen: Im zweiten Jahr machten wir das großartige Musical „City of Angels“ von Cy Coleman, für das wir auch gleich den Preis als bestes deutschsprachiges Musical (neben R. Polanskis „Tanz der Vampire“ in Wien) einheimsten.
Übrigens meine Dirigenten – Premiere.

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Dann die Begegnung mit der großen Ballett-Dame Heidrun Schwaarz,: „Tango“ mit Klaus Gutjahr, der bis heute mein Freund und wunderbarer Partner am Bandoneon ist.

Foto by Matthias Stutte

Und schließlich 2000 „Arche Nova“, ein Kompositionsauftrag des Theaters zum 50jährigen Bestehen der ältesten deutschen Theater-Ehe.

Zusammen mit Michael Frowin als Librettisten und meinen beiden Freunden Gernot Sahler und Jochen Hartman-Hilter haben wir die Sintflut durchgestanden. Schauspieler, Opernensemble, Ballett, Band, Sinfoniker. Thema: Genesis 1-7. Das volle Programm. Eine tolle Erfahrung!

Aber vielleicht hatten wir uns auch ein bisschen zu viel vorgenommen. … Gerne zitiere ich aber die „Opernwelt“, die damals schrieb „…die Musik könnte von Leonard Bernstein stammen…“

Und immer wieder Schauspielmusiken zu Shakespeare, Schiller, Brecht, die ganze Weltliteratur rauf und runter. Dazu The Black Rider, „Cabaret , „Anatevka ,die „Dreigroschenoper, u.s.w., Liederabende, Revuen, Kinderstücke, die ganze Vielfalt und der ganze Wahnsinn eines deutschen Stadttheater – Betriebes.

Photo by Sandra Horner

Im Theater Krefeld lernte ich damals auch den Schauspieler, Sänger und Autor Michael Frowin kennen, der seitdem zu meinen wichtigsten Arbeitspartnern zählt. Wir haben viele Chansons zusammen geschrieben, unzählige Male zusammen auf der Bühne gestanden, mehrere CDs zusammen produziert, eine GmbH besessen und sind bis heute Freunde und Arbeitskollegen geblieben.

Photo by Bernd Brundert

UND: „Anything goes“, 2003, Regie: Matthias Kniesbeck, bis heute ein lieber Freund.

…Diese Schauspielerin beim Vorsprechen, der ich zum Bahnhof hinterher gelaufen bin (!!)…, und die dann tatsächlich auch noch engagiert wurde: Anna Schäfer.

Sie ist jetzt seit über 12 Jahren meine Geliebte, Ehefrau, Freundin, Mutter unserer Kinder und Bühnenpartnerin.
2014 haben wir uns mit unserem ersten „eigenen“ Abend „Der Mann in mir – muss der sein, oder kann der weg“ zusammen mit Kim Jovy einen langgehegten Wunsch erfüllt.

Sechs Jahre lang war ich fest als musikalischer Leiter am Theater Krefeld/Mönchengladbach engagiert.
In dieser Zeit entstand u.a. die Revue „Elvis liebt Dich“, die Matthias Kniesbeck und ich erfunden haben, (und die wir 80 mal ausverkauft gespielt haben. Besonders viel Freude hat mir einige Jahre später dann „Ewig jung“ gemacht, wo ich als uralter Mann nicht nur am Klavier sitzen durfte, sondern auch kräftig mit „schauspielern“.
Eine Auswahl der Produktionen, die ich am Theater gemacht habe, findet sich hier.

Nach meiner Zeit als musikalischer Leiter in Krefeld/Mönchengladbach arbeitete ich einige Zeit frei an verschiedenen deutschen Theatern, immer wieder aber auch als Gast in KR/MG.

2007 gründete ich die Theaterplatz GmbH, eine Theaterproduktionsfirma, deren geschäftsführender Gesellschafter ich bis Ende 2016 war.

Ich wollte endlich selber entscheiden können, mit wem ich arbeite.

In den letzten nun fast 10 Jahren haben wir viele Produktionen „aus der Taufe gehoben“, von Soloabenden über Ensemblestücke bis hin zur großen Co-Produktion mit den Wühlmäusen/Dieter Hallervorden in Berlin.

Seit 2009 haben Michael Frowin und ich mit der Theaterplatz GmbH auch die künstlerischen Geschicke des Hamburger Theaterschiffs DAS SCHIFF gelenkt. Ich bin dem Theaterschiff bis heute in herzlicher Weise verbunden.

Kilian_QuasthoffVon 2013 bis 2016 waren Michael Frowin und ich zusammen mit dem weltberühmten Bass – Bariton Thomas Quasthoff in Sachen „Musikkabarett“ mit unserem Abend „Keine Kunst“ unterwegs.

Photo by Bernd Brundert

Für diese Begegnung bin ich sehr dankbar. Thomas ist ein so unglaublicher Musiker und ein besonderer Mensch! Es ist eine Ehre, als Pianist an seiner Seite zu sitzen!

2015 dann noch eine besondere Überraschung: Ich wurde als „Music Director“ ans Theater des Westens in Berlin geholt, um dort die Original CHICAGO Broadway Produktion zu leiten.
Eine tolle Erfahrung und ein großes Vergnügen mit Rob Bowman, Gregory Butler und Tania Nardini, einer großartigen Band und einer phantastischen Cast diese Premiere feiern zu dürfen! Nachdem ich in Berlin über 80 Vorstellungen dirigiert habe, gingen wir dann noch auf ein 6-wöchiges Gastspiel im „Deutschen Theater“ in München! Amazing!

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Zum Ende des Jahres 2016 habe ich das Vergnügen mit für die Kinderrevue des Friedrichstadt-Palast in Berlin komponieren zu dürfen. Die Verrückte Sonnehatte Premiere am 17. Nov. 2016.

Ich bin gespannt, was die nächsten Jahre an Neuem und Überraschenden zu bieten haben! Wenn möglich, würde ich gerne mehr komponieren, vielleicht mal Filmmusik machen!

Wenn mein Leben als Musiker so abwechslungsreich und überraschend weitergeht, wie bisher, kann ich nur glücklich und dankbar sein.